Nov
30
2009
Studentenproteste 2009
Die Studentenproteste in ganz Europa und insbesondere in Deutschland scheinen sich seit Wochen immer weiter auszubreiten und zu verstärken. Die Medienpräsenz ist mittlerweile so stark, dass auch Politiker nicht mehr wegsehen können und für die streikenden Studenten Verständnis zeigen. Doch das verbale Entgegenkommen wird von den Studenten mehrheitlich als Lippenbekenntnis aufgefasst – sie wollen nun endlich auch Veränderungen sehen.
Mehrere Wochen nach den ersten Besetzungen von Universitäten in Österreich, allen voran Wien, sind mittlerweile mehrere Dutzend Bildungseinrichtungen in Deutschland von den Studentenprotesten 2009 betroffen. Die Zahlen schwanken von Tag zu Tag, da zwischenzeitlich immer wieder besetzte Hörsäle geräumt wurden, um anschließend wieder okkupiert zu werden. Zu einer der symbolträchtigsten Universitäten im Zusammenhang mit den gegenwärtigen Studienprotesten, scheint sich die Ludwig-Maximilians-Universität in München (LMU) etabliert zu haben, wo am Wochenende erstmalig das “International Plenum for Better Education” (IPBE) statt fand.
Hierbei handelte es sich um ein internationales Treffen, an dem Vertreter von mehr als 80 verschiedenen Universitäten aus sieben europäischen Ländern teilnahmen, um künftige Schritte im Rahmen der Studentenproteste gemeinsam zu koordinieren. Eine derartige internationale Vernetzung, wie sie durch das IPBE voran getrieben wurde, hat es wohl so in der Geschichte bisher noch nicht gegeben. Dass die Reformen im Zuge des Bologna-Prozess in den relevanten Zielen mehrheitlich gescheitert sind, ist in den letzten Tagen klar geworden. Wie die Korrekturen nun umzusetzen sind, ist jedoch völlig unklar.
Das mag unter anderem auch daran liegen, dass die Studenten durch basisdemokratische Plena versuchen, die wesentlichen Aspekte auszudiskutieren. Kritik wurde verschiedentlich laut, da auch Wochen nach den ersten Besetzungen noch keine konkreten Forderungen durch die Besetzer gestellt wurden. Die Koordination und Diskussion erfolgte meist dezentral und ohne hierarchische Strukturen. Doch in der Zwischenzeit sind u.a. im bayerischen Landtag Petitionen mit konkreten Forderungen eingegangen, die auch interuniversitär abgestimmt wurden.
Zu den wichtigsten Kritikpunkten am deutschen Bildungssystem gehören die fehlende Gestaltungsfreiheit im Bachelorstudium oder die ungenügende demokratische Mitbestimmung an Schulen und Universitäten. Darüberhinaus wird immer wieder auf die Abhängigkeit von der sozialen Herkunft aufmerksam gemacht, wenn es um Bildungschancen geht: der Anteil an Gymnasiasten und Studenten, die aus Arbeiterfamilien stammen, ist auch nach Jahrzehnten noch zu niedrig. Ein weiteres wichtiges Anliegen der Studenten stellt die Abschaffung der Studiengebühren dar, die zur “sozialen Selektion” beitrügen; Politiker betrachten diesen Punkt jedoch als indiskutabel. Ein Ende der Studentenproteste ist nicht in Sicht.
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